Mittwoch, 9. Oktober 2013

Einmal Taifun, bitte

Meine "Golden Week" wurde noch recht abenteuerlich, als ich kurzfristig beschloss, Hangzhou zu besuchen. Es stand auf meinem Besichtigungsplan ganz oben, und warum nicht dann verreisen wenn man eine Woche Zeit hat? Hangzhou ist eine Großstadt in der Nähe von Shanghai, die man (je nach Zuggeschwindigkeit) innerhalb von 1-3 Stunden erreicht. Marco Polo bezeichnete sie als die "schönste und großartigste Stadt der Welt", und auch wenn ich finde, dass er ein wenig übertreibt, war sie doch wirklich bezaubernd.
Das Highlight von Hangzhou ist der Westsee, ein See der im Westen von Hangzhou (wer hätt's gedacht) und malerisch zwischen Hügeln und Bergen liegt. Am Ufer kann man wunderbar entlangspazieren und sich in eies der unzähligen Teehäuser setzen; man kann Tretboote ausleihen, und abends gibt es Wasserspiele mit beleuchteten Fontänen, während im Hintergrund Tchaikovsky gespielt wird.
Dummerweise hatten neben mir noch ziemlich viele andere Chinesen die gleiche Idee: Als ich zum ersten mal nach Shanghai kam, dachte ich mir "Wow, das sind viele Leute. Im Vergleich dazu ist Heidelberg ja ein Dorf!" Als ich dann jedoch in Hangzhou zerquetscht, angerempelt und beinahe zertrampelt und überfahren wurde, war mir klar, dass ich bis jetzt nur die Spitze des Eisbergs erlebt hatte. Hangzhou in der Golden Week, das waren viele Leute. Sehr viele, viele Leute. Im Vergleich dazu kommt mir ganz Deutschland wie ein einziges Dorf vor.
Trotz allem hatte ich mit meiner Unterkunft Glück, die direkt am Westsee lag. Nachdem ich den ersten Tag diesen gesehen hatte, erkundete ich am zweiten Tag die nähere Umgebung. Hangzhou ist nämlich sehr bekannt für seine bestimmte Sorte Grüntee, die man idealerweise nur mit dem Wasser der Tigerquelle, die am Fuße einer der Berge liegt, brauen sollte. Also einmal ab zur Tigerquelle und da Grüntee trinken. Wenn ihr mich fragt, habe ich den Unterschied kaum geschmeckt, und dafür war er viel zu teuer. Aber man muss es ja mal gemacht haben. Während ich meinen Tee schlürfte, bemerkte ich einen unscheinbaren Pfad, der einladend aussah, also bin ich einfach mal losgelaufen. Unzählige Treppenstufen und einiges an Schweiß später stellte ich fest, dass ich wohl gerade unfreiwillig den Berg bestieg. Zum Runterlaufen war ich irgendwie zu faul (außerdem lief hinter mir ein kleiner Junge, und ich wollte ihm irgendwie nicht die Genugtuung geben, zu sehen, dass es mir zu anstrengend war :D), also lief ich einfach weiter hoch, und es sollte sich lohnen: Auf der Spitze stand eine kleine Pagode, von der aus man einen atemberaubenden Blick auf Hangzhou, den Westsee und die umliegende Landschaft hatte. Dieser Ausflug hatte sich eindeutig gelohnt!
Nach meiner Bergebestigung besichtigte ich noch ein hoch interessantes Teemuseum (tatsächlich das einzige in ganz China!) und eine relativ langweilige Tempelanlage. Die sehen doch irgendwie auf Dauer alle gleich aus.
Ziemlich schnell war der Tag schon um, und ich fuhr zum Bahnhof um zurück nach Shanghai zu kommen. Dort sah ich auf einer Leinwand die Nachrichten, und es wurde eine Stadt gezeigt, in der ein fürchterliches Unwetter wütete. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass das Shanghai sein soll. Wie sehr ich mich doch irrte: Als ich ankam, fuhren die U-Bahnen zum Glück noch, doch diverse Buslinien fuhren nicht mehr, und der Bevölkerung wurde geraten, das Haus nur für wichtige Angelegenheiten zu verlassen. Denn es regnete. Und regnete. Und regnete. Ununterbrochen, 3 Tage und 2 Nächte. Und ich rede hier nicht von Niesel oder leichten Schauern, ich rede von richtigem schweren Regen. Dazu noch der heftige Wind, und das Unwetter war perfekt: Die Straßen waren größtenteils geflutet, und die Autos quälten sich in Schneckentempo durch das Wasser. Der Bus zur Uni fuhr zum Glück noch, die normalerweise 40minütige Strecke legte er jedoch in ein einhalb Stunden zurück. Mein Regenschirm hat es leider nicht überlebt, und meine Schuhe sind vermutlich erst in 10 Jahren wieder trocken.
Auf jeden Fall bin ich froh, dass es seit gestern Abend wieder trocken ist und dass wir in Deutschland von so etwas normalerweise verschont bleiben ;-) Aber sowas muss man ja auch mal erleben, wenn man zur Monsunzeit in Ostchina ist!
Übrigens hat für mich meine letzte Woche im Praktikum angefangen, und wie ich mir bereits gedacht habe, interessiert es niemanden, was ich getan geschweige denn erreicht habe. Meine Professorin sagte mir gerade, ich solle es als eine Art Übung ansehen, und ich bräuchte meinen Code niemanden zu geben. Besser ist es, denn nichts läuft so richtig. Ich friste hier einfach meine letzten Tage, und am Freitag war's das dann. Eigentlich ist es herrlich unkompliziert, wenn sich niemand so richtig für mich interessiert ;-)
Liebe Grüße von meinem Schreibtisch,
Luxemburgerli

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3 Monate in China

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Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober, 12:56

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