Dienstag, 3. September 2013

Die Tücken des Alltags

Gestern Abend bin ich nach Hause gekommen und wollte unsere Küchentür öffnen. Die Betonung liegt auf "wollte", denn es ist mir nicht gelungen. Die Türklinke ist nämlich kaputt, und da die Tür unerwarteterweise ins Schloss gefallen war, standen wir vor einem Problem (oder eher vor einer nicht zu öffnenden Tür), welches sich nur mit Gewalt und ein wenig Geschick nach einer guten Stunde Rumprobieren beheben ließ. Denn ich muss es leider sagen: Meine Wohnung ist eine kleine Bruchbude. Vielleicht ist das nur aus meinen verwöhnten deutschen Augen so, und das ist in China ganz normal, oder aber meine Mitbewohner sind einfach putz-, einkauf- und reparierfaul. Mal abgesehen davon, dass wir nämlich seit einer Woche kein Licht mehr im Bad haben (ich würd ja ne neue Birne kaufen wenn ich wüsste wo), gibt es einfach zu viele Dinge, die ich immer für selbstverständlich gehalten habe, die in einem chinesischen Haushalt jedoch offenbar alles andere als üblich sind.
Ich fange mal mit unserer Waschmaschine an. In Deutschland läuft das ja ungefähr so ab: Wäsche rein - Waschpulver rein - Waschgang einstellen - anmachen. So. In China ist das anders, ganz anders. Hier läuft das so ab: Man tut zuerst seine Wäsche in den Toploader. Soweit, sogut. Jetzt macht man das Ablaufventil zu, nimmt einen Wasserschlauch und befüllt die Waschmaschine per Hand (!) mit Wasser. Zum Schluss noch etwas Waschpulver, und dann wird die Maschine angemacht - Waschgänge gibts sowieso nicht. Die Maschine wäscht dann 15 Minuten lang die Wäsche, dann ist sie fertig. Jetzt geht man wieder hin, macht das Ablaufventil auf und lässt das Wasser ablaufen. Was man nun hat: Tropfnasse Wäsche voller Waschpulver. Super. Also Ventil wieder zu, nochmal mit Wasser befüllen, aber diesmal ohne Pulver. Nochmal 15 Minuten lang waschen lassen, Wasser wieder ablaufen lassen. Jetzt nimmt man die klitschnasse Wäsche heraus und packt sie in das Fach daneben: Den Schleudergang. Der ist extra und sieht aus wie ne große Salatschleuder. Das Teil anmachen, und nach 10 Minuten hat man übelst zerknitterte, nicht mehr ganz so tropfnasse Wäsche, die man dann schlussendlich zum Trocknen aufhängen darf. Geschafft!!
Gut, ich muss zugeben, dass das definitiv eine der exotischsten und gewöhnungsbedürftigsten Erlebnisse bei mir zuhause ist. Zum Glück ;-) Auch abenteuerlich ist aber zum Beispiel, dass meine Mitbewohner grundsätzlich nichts für den Haushalt tun - dafür gibts ja eine Putzfrau. Diese Putzfrau soll angeblich zweimal die Woche kommen, kommt aber irgendwie wann sie lustig ist, und macht auch nicht das, was sie machen sol. Sie soll z.B. Klopapier kaufen, hat sie aber nicht gemacht. Sie soll angeblich den Boden putzen, aber wenn ich das richtig verstanden habe, machen die Chinesen das ungefähr einmal alle 3 Monate (ähem). Und sie soll unser benutztes Geschirr spülen. Um das mal klarzumachen: Meine Mitbewohner esssen selten zuhause, aber wenn, dann lassen sie danach wirklich alles (!) stehen und liegen und räumen nichts weg. Und da wir auch nicht besonders viel Besteck haben, benutzen sie dann gerne bereits gebrauchtes und nicht abgespültes Besteck nach 2 Tagen noch einmal - ich weiß wirklich nicht wie man das machen kann. Aber ist ja deren Angelegenheit. Ich hab jetzt auf jeden Fall erstmal Toilettenpapier gekauft und spüle meine Müslischüssel selbst :D
Ja, Müsli, das ist ein Luxus, den ich mir hier trotz verhältnismäßig überteuerter Preise totzdem leiste. Denn wer mich kennt, der weiß dass ich ein gutes Frühstück liebe, und die Chinesen haben's nicht so mit Frühstück: Die holen sich auf dem Weg zur Arbeit höchsten ein "Baozi" (ein Dampfbrot gefüllt mit Schweinefleisch. Schmeckt lecker, aber nicht zum Frühstück!). Da laufe ich doch lieber zum internationalen Supermarkt und hole mir importierte Cornflakes. Auf dem Weg dahin werde ich angestarrt wie ein Alien (unter all den Chinesen bin ich die einzige Europäerin, und dazu noch mit roten Haaren), und auf dem Rückweg werden die Cornflakes angestarrt wie ein Alien (was ist jetzt besser?).
Auch an das Einkaufen muss man sich erstmal gewöhnen: Es gibt einige Dinge, die echt verwunderlich sind. So gibt es z.B. in den größeren Supermärkten große Fleisch- und Fischtheken, wo Fische und Meerestiere lebend verkauft werden. Man kann zu einem Aquarium gehen und dem Verkäufer sagen, welchen Fisch man gerne hätte, und der holt den Fisch einfach raus und schneidet ihm einmal in Kiemen und Kehle. Kopf noch dran, aber wenigstens tot. Daneben bekommt man ganze Gänse zu kaufen, zwar tot und gerupft, aber Kopf und Füße sind trotzdem noch dran. Diese Teile gelten beim Essen offenbar als Spezialität und sind besonders teuer! Deshalb kann man auch, so wie bei uns Hähnchenfilet in Styroporschalen abgepackt ist, hier genau so abgepackte Entenfüße oder Schweineohren oder wasweißichdenn kaufen. Und Filet gibts übrigens kaum. An allem ist noch der Knochen dran, der auch mitgekocht wird und, in kleine Stücke geschnitten, mit auf dem Teller landet. Man nimmt dann das ganze Stück in den Mund, isst das Fleisch und spuckt den Knochen wieder aus. Das Fett wird meistens auch nicht abgeschnitten, sondern landet auch mit im Topf und wird auch mitgegessen. Da fragt man sich warum Chinesen so dünn sind... Denn es ist nicht so, als würden die Chinesen wenig essen: Wenn man abends gemeinsam essen geht, bestellt man sich nicht so wie in Deutschland jeder sein eigenes Gericht, sodern es werden viele Menüs für alle bestellt, und jeder nimmt sich von allem etwas. Das legt man sich dann nicht auf den Teller (der Teller ist für Abfall, wie z.B. Knochen gedacht), sondern nimmt sich einfach ein Stück mit den Stäbchen vom Gericht und isst es gleich. Nur so etwas wie Reis oder Suppe wird in die Schüssel getan. So gibt es auch fast immer mehr Menüs als Leute die essen. Und es bleibt immer jede Menge übrig.
Aber zurück zum Einkaufen: Was ich bis jetzt vergeblich gesucht habe, sind Dinge wie Mehl oder Zucker. Auch Eier habe ich noch nicht gesehen, obwohl die hier sehr beliebt sind. Stattdessen findet man sehr viele chinesische Spirituosen, irgendwelche lustig abgepackten Fertiggerichte, und jede Menge Gewürze. Außerdem gibt es das meiste in Vorratsgröße: Sojasauce gibts minimal im 1 Liter-Behälter, und Sonnenblumenöl eher im 5 Liter-Fass. Da fühlt man sich wie in Amerika ;-)
Käse gibts übrigens auch: Importiert, für umgerechnet 6 Euro. Genauso wie Nutella und Vollkornbrot (das gibts aber nur gekühlt, warum auch immer). Ich weiß also schon ganz genau was ich als erstes Esse wenn ich wieder in Deutschland bin: Ein Vollkornbrötchen mit Camenbert. Hach, allein wenn ich nur darüber schreibe, vermisse ich es schon wieder unglaublich! Oder Räucherlachs... Oder Schokolade... Hmm...

Luxemburgerli

3 Monate in China

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